Evangelische Kirchengemeinde Kraftsdorf

...gibt es als Verteilandacht und online nur in Zeiten, in denen uns der sonntägliche Gottesdienst nicht möglich ist

 

An dieser Stelle finden Sie ab und an Andachten, Gebete, Predigten aus zurückliegenden Gottesdiensten.

 

Predigt am Sonntag Estomihi (27.02.2022)

biblische Lesung: Mk 8,31-38

Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.
Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's behalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele?  Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Predigt

Immer im Februar jährt sich die Zerstörung der alten Kirche in Haprpersdorf. Am 6. Februar 1945 in der Mittagszeit flogen alliierte Kampfverbände entlang der Bahnstrecke und luden ihre zerstörerische Fracht über Harpersdorf ab. Nicht nur die Kirche des Dorfes wurde durch die Wucht der Explosion zerstört, auch Höfe und Häuser von angrenzenden Harpersdorfern. Der Krieg, der damals an Ost- und Westfront tobte, er war mitten in diesem Land, mitten in diesem Ort angekommen. Mit aller Gewalt hat er sein zerstörerisches Potential entfaltet. Auch nicht Rücksicht genommen vor Gottes Haus.

Wenn damals im kalten Februar 45 das Evangelium wie heute gelesen wurde, hat das die Seele der Leute angerührt. Evangelium wurde zur Zeitansage mit ganz eigenem Deutehorizont. Jesu erste Leidensankündigung konnte als politischer Programmtext verstanden werden, der sich erfüllt hatte. Keine weit entfernte Bibelgeschichte irgendwo im fernen Palästina, - nein – mitten im Dorf war ein sichtbares Zeichen großer Leiden zu sehen.

So wie heute, 2022. Seit dieser Woche überschlagen sich die Meldungen. In den abendlichen Nachrichten gibt es Sondersendungen, Berichte, politische Analysen, und welche Folgen der Krieg in der Ukraine, auch für uns hier rund 2000 km entfernt haben werden. – Ein neuer heißer Krieg im Osten Europas, strategisch geplant, der zu einem neuen kalten Krieg geführt hat. Ost und West. 

Im Februar 1945 war es lebensgefährlich in unserem Land diesen Text im Sinne Jesu, dass Nachfolge heißt, ihm allein und nicht weltlichen Gewalten zu folgen, zu verkündigen. So wie es heute gefährlich ist für die Demonstranten in russischen Städten, die gegen diesen Krieg ihres Präsidenten auf die Straße gingen und von der Polizei weggeführt werden. Die rufen: Weg mit allen Kriegstreibern, denn sie meinen nicht was göttlich, sondern was zutiefst unmenschlich ist, so könnte nur ein Vers aus unserem Bibeltext leicht abgewandelt auch auf einem Antikriegsflugblatt damals auf Deutsch und heute auf russisch gestanden haben.

Wie klingt Evangeliumn heute in Kiew, Donezk und Odessa, wenn dort im Gottesdienst Jesus großes Leiden voraussagt, die Katastrophe kommen sieht, Tod und Ende? Wie klingt das, wenn statt Jesu Nachfolge zu Frieden und Gottes Reich, plötzlich Sirenen heulen, Menschen sich in U-Bahnschächten in Sicherheit bringen, wenn statt Nachfolge im Sinne Jesu, die Generalmobilmachung, der Gleichschritt von Soldaten, der Dienst fürs Vaterland von politischen Führern befohlen wird?  Läuft man mit oder bleibt man dabei und sagt: Krieg darf um Gottes und Himmels willen nicht sein. Wären wir so mutig oder lebensmüde? 

Entschlossenheit, Reagieren mit einer Stimme, heilige Pflicht, so wird heute Nachfolge mißverstanden. Statt zu heilen und die Macht von Drohungen und Worten zu entwaffnen, klingt Nachfolge scharf und provozierend in Ost und West in den Nachrichten am Abend. Jetzt nimmt unsere Seele wieder Schaden. Die Angst vor einem neuen Krieg, der uns betreffen kann, ist da.

Nachfolge, die Jesus aber verkündigt, braucht keine Befehls- und Kommandostruktur, sie folgt nicht Befehlen und strategischen oder politischem Kalkül. Seine Nachfolge folgt nicht irdischen Interessen, sondern allein göttlichen Maßstäbe seines Friedens, seiner Liebe. Und die kennt auch eigene Leidensbereitschaft bis ans Äußerste am Kreuz. „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?

Seit 1945  so scheint es, haben wir Menschen nicht wirklich viel dazugelernt, was, Nachfolge Jesu angeht.  Noch immer ist es im 21. Jh sicherer, selbst ernannten Führern, Fanatikern, Propagandisten und Machtversessenen und ihren Versprechungen zu folgen, als Gottes Frieden zu suchen und in seine Nachfolge zu treten. Und wieder scheint es ein Kinderspiel zu sein, dass Prediger  nicht Evangelium, sondern Propaganda predigen, dass das Feuer von Haß, Krieg und Zerstörung im Namen Gottes  geschürt und ständig neu angefacht wird. 

Ich habe mich gefragt wie dieses Evangelium in Kiew und Donezk gehört wird. Dort wo sinnbildhaft für ganze Nationen jetzt Frauen, Männer, Kinder mit Worten unseres Bibeltextes Schaden an ihrer Seele nehmen.

Und ich habe mich gefragt, wo wir eigentlich hängenbleiben in diesem Evangeliumstext, weil wir merken, Der Ruf zur Nachfolge, hat doch auch was mit mir zu tun, das betrifft mich doch ganz persönlich. Ich meine jetzt nicht nur die Sorge, dass die nächste Tankfüllung oder der Einkauf im Supermarkt bestimmt teurer werden wird. Ich meine, wo liegt eigentlich unsere Verantwortung, wenns um Nachfolge geht? Wir hoffen, dass der Krieg in der Ukraine lieber jetzt als gleich beendet wird. Wir hoffen, weil wir weniger an die Menschen dort denken, sondern vielmehr an die eigenen wirtschaftlichen Folgen, wie ein neuer kalter Krieg zwischen Ost und West doch auch unseren Wohlstand in die Zange nehmen kann. Und wenn schon sehr bald damit zu rechnen ist, dass binnen kürzester Zeit tausende zu uns kommen in unser sicheres und reiches Land, dann wächst die Skepsis gegenüber Überfremdung. Und jetzt hören wir noch: Das ist doch selbstverständlich.

Jesus sagt: Wer sich meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in Herrlichkeit. Ich glaube fest daran, dass er dann auch ganz genau darauf sehen wird, wie aufrichtig und gerade wir waren, wie solidarisch und menschlich nach dem Maßstab seiner Liebe wir handeln, wie wir seinen Frieden dienten, statt Unfrieden bewusst oder unbewusst den Rücken zu stärken. Und dann wird der Auferstandene auch sagen: Wer meint, Gebet und Glaube und Gottesdienst nur auf den Sonntagmorgen reduzieren zu müssen, aber in der Woche so lebt, als gebe es das alles gar nicht in seinem Leben, da läuft was grundschief. Dessen wird er sich schämen müssen. Aber andererseits wird er bestimmt auch stolz auf diejenigen sein, die bis an die Grenze menschlicher Belastung wirklich Ernst mit seiner Nachfolge gemacht haben und darin auch bleiben.

Die alten Harpersdorfer haben nach Kriegsende 1945 ihre zerstörten Höfe und ihre Kirche wiederaufgebaut. Und das in Rekordzeit unter extrem schwierigen Bedingungen. Es war übrigens die erste der im Krieg zerstörten Kirchen Thüringens, die Bischof Mitzenheim 1948 wieder einweihte. Der Ort hatte wieder eine Seele, zwar anders im Angesicht, aber doch inmitten und für die Menschen vor Ort. Und wie zur Mahnung an alle Generationen, trägt die jetzige Harpersdorfer Kirche ganz bewußt den Namen: Friedenskirche. Ein Ort, wo Gottes Friede gesucht und gefunden werden kann, hoffentlich von noch vielen, die es wirklich ernst mit der Nachfolge meinen. Amen.

 

 

Predigt am 4. Sonntag vor der Passionszeit, 06.02.2022 in Kraftsdorf & Pörsdorf

Biblische Lesung: Mt 14,22-33

 22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe.
 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.
 24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.
 25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See.
 26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht.
 27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!
 28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.
 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.
 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!
 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
 32 Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich.
 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!
 

Predigt über Mt 14.22-33 

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren. Wir sitzen auch in einem Boot. Haben Ruder in der Hand. Eine besucht Kranke und Jubilare in der Gemeinde. Eine singt im Chor und weil grad keine Proben sind Abends unter der Dusche. Eine macht die Kirche sauber. Einer zieht Woche für Woche die Kirchturmuhr auf. Einer besucht den Gottesdienst. Eine betet mit ihrem Kind vor dem Schlafengehen. Verschiedene Ruder. Aber wir rudern gemeinsam. Auch wenn der Wind uns hart entgegenbläst.

Hunderttausende Kirchenaustritte im letzten Jahr in Ev und kath. Kirche, in unserer Gemeinde allein 7, vor allem junge Leute. Dagegen 5 Taufen und ein Übertritt. Zweifel machen sich breit. Wir rudern weiter. Gegen die Wellen. Gegen den Sturm.

Wir sitzen in einem Boot. Jesus hat uns dazu gebracht. Er hat uns vorausgeschickt ans andere Ufer. Noch eine kleine Weile, bis wir ihn dort sehen werden. Es kommt einem endlos vor, wenn die müden Knochen schmerzen, wenn die Tage werden wie Ruderschläge: eins – zwei – drei – vier. Hart gegen den Wind. Das rettende Ufer ist weit, so weit, und wer weiß, ob wir nicht untergehen.

Machmal stöhnen wir. Über alles, was grad nicht möglich ist. Ich weiß nicht, wo die Reise hingeht und wie fern das andere Ufer ist. Manchmal planen wir und wissen nicht, ob es auch so sein kann. Manchmal haben wir verrückte Ideen und staunen im Nachgang, dass es so gut funktioniert hat. Und egal, was kommt: Wir sind zusammen. Wir sitzen in einem Boot. Schaukelnd auf den Wellen. Jesus hat uns geschickt.

Der Wind bläst stürmisch im Moment, finde ich. Nicht nur wegen des Sturmes vergangenes Wochenende. Was sich da an politischer Großwetterlage zusammengebraut hat, das verursacht ein mulmiges Gefühl in meinem Magen. Ich weiß nicht, wohin das Boot steuert. Am nahen Ufer ostwärts droht man sich mit Waffen. Militärische Auseinandersetzungen mit Waffen und Soldaten an der Grenze zur Ukraine scheint wieder ne Option zu sein. Kalter Krieg, der immer heißer wird.

Am Elsterufer in Gera und Greiz und vielen anderen Orten gibt es Woche für Woche Demos. Wer am meisten provozieren kann, gilt als Held und postet es auch gleich ins Netz. Durch Familien, Vereinen, auch Kirchgemeinden geht ein Riss, weil man entweder für oder gegen Coronaschutzmaßnahmen ist, für oder gegen Impfung und Impfflicht. Wir haben verlernt auf Vernunft, Demut und Barmherzigkeit zu setzen, Jeder und jede isoliert sich selbst in seiner Wahrheitsblase.

Viele Ängste kommen hoch. Angst sich anzustecken mit dem Virus, Angst vor einer neuen Radikalität, die für die Errungenschaften eines demokratischen Rechtsstaates nur Häme und Verachtung übrighaben, Angst vor digitaler Überwachung, Angst vor den Ausländern, Angst vor dem Abrutschen vom hohen Ross unseres Wohlstandes, Angst überhaupt vor der Zukunft, weil alles so unübersichtlich scheint. Wohin steuern wir?

Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!

Jesus kommt. Mitten im Sturm. Über die aufschäumenden Wellen von Freien Sachsen und Reichsflaggen auf den Demos und Menschenketten auf der anderen Seite. Von Hetzern in der ersten Reihe und denen die sich nur ins Fäustchen lachen zuhause in ihren Stuben.

Jesus kommt und spricht: Fürchtet euch nicht! Seid getrost und unverzagt. Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes. Jesus kommt, mitten im Sturm, und spricht zu uns. 

Einer aber, Petrus dem kommen Zweifel. Und er will es wissen. Deshalb stellt er Jesus auf die Probe. Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Herr, bist du es, bist du wirklich der Sohn Gottes, so gib mir einen Beweis. Herr, bist du es, so gib mir Kraft, Berge zu versetzen. Herr, bist du es, so mache mich heute noch gesund. Herr, bist du es, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Herr, bist du es, so lass mich auf dem Wasser gehen.

Es gibt eine Geschichte über einen, der auf dem Wasser geht. Sie kommt angeblich aus dem Zen-Buddhismus. Ein junger Mönch lebt in einem Kloster mit vielen anderen Mönchen zusammen. Aber das reicht ihm nicht. Er will mehr. So geht er weg aus dem Kloster, fährt mit der Fähre über den Fluss und zieht sich auf einen Berg zurück in die Einsamkeit. Dort lebt er 25 Jahre, versunken in Meditation. Schließlich steht er auf, streckt sich wie nach einem langen Schlaf und geht den Berg hinunter zum Fluss. Ohne zu zögern, setzt er dort seinen Fuß auf die Wasseroberfläche und schreitet über das Wasser auf das Kloster zu, das er vor 25 Jahren verlassen hat. Am anderen Ufer waschen zwei Mönche gerade ihre Wäsche. Sie sehen den alten Mann kommen. Der eine Mönch fragt den anderen: „Wer ist das?“ Der andere sagt: „Das muss der Mann sein, der 25 Jahre in einer Höhle meditiert hat. Nun schau ihn dir an! Jetzt kann er auf dem Wasser laufen!“ "Das hätte er sich sparen können!" sagt da der erste. "Die Fähre kostet doch nur 50 Cent. (und außerdem ist Winter)

Wozu will man eigentlich auf dem Wasser laufen? Wozu will Petrus auf dem Wasser laufen? Die Fähre kostet doch nur wenige Cent. Jesus hat Petrus tatsächlich auf dem Wasser laufen lassen.
Ein paar Schritte. Dann war es vorbei. Jesus musste Petrus herausziehen, wie einen schweren Fisch.

Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Ich bin doch geradewegs auf dich zugekommen. Ich hab dir doch gesagt, wer ich bin. Wenn du nur noch eine Minute auf deinem Platz geblieben wärst, dann wäre ich zu dir gekommen, hätt mich neben dich gesetzt, neben dich und den anderen und diese ganze Sache da auf dem Wasser hätten wir gar nicht gebraucht. Warum willst du auf dem Wasser gehen?

Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich.
Gemeinsam sitzen wir im Boot. Jesus ist dabei. Der Sturm geht vorüber. Die Sonne geht auf und wir hängen die nassen Kleider zum Trocknen über die Bootswand, legen die Ruder beiseite und lassen uns etwas treiben, träumen davon, was drüben an Land alles bald möglich sein wird. Jetzt genießen wir die Zeit zusammen, solange wie wir sie haben und sie uns gönnen. Wir singen gemeinsam ein Lied und kämpfen uns tapfer durch die alten Melodien, aber die Texte sind hochaktuell. Wir fallen uns nicht mehr ins wort, wenn auch mal einer ne andere Meinung hat, wir fahren hinaus zum Fischen. Packen Essen aus: nen Wein, was Warmes aus der Thermoskanne und Schnitten.

Danach nehmen wir die Ruder wieder zur Hand. Die Blumen und Geburtstagskarten für die Besuche, sortieren den Notenhefter für die nächste Probe, wenn sie kommt, nehmen die Kirchenschlüssel, um reinezumachen oder 1x die Woche, um die Kirchturmuhr aufzuziehen. Jemand nimmt sich nen Gesangbuch beim Gottesdienstbesuch, eine andere zu Hause das Heft mit den Kindergebeten am Abend Es gibt viel zu tun. Wir rudern weiter. Gegen die Wellen. Und wenn es sein muss auch gegen den Sturm. Wir sitzen in einem Boot. Jesus ist mit uns. Hier ist unser Platz. Amen.

 

 

Predigt am XV. So. n. Trin. (12.09.2021) zum Thema: Wie tröstet Gott einen Flüchtling?

Biblische Lesung Gen 28

Da rief Isaak seinen Sohn Jakob und segnete ihn und gebot ihm und sprach zu ihm: Der allmächtige Gott segne dich und mache dich fruchtbar und mehre dich, daß du werdest ein Haufe von Völkern,  4 und gebe dir den Segen Abrahams, dir und deinen Nachkommen mit dir, daß du besitzest das Land, darin du jetzt ein Fremdling bist, das Gott dem Abraham gegeben hat.  5 So entließ Isaak den Jakob. 10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran  11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.  12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.  13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.  14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.  15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.  16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht!  17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.  18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goß Öl oben darauf  19 und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.  20 Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen  21 und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein.  22 Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben. Amen

 

 

Predigt

Der Schlaf ist unruhig, leicht nur. Zuviele Gedanken kreisen ihm durch den Kopf - immer und immer wieder von dem, was war und was werden könnte. Jakob was träumst Du diese Nacht?

Bilder und Erinnerungen von der Kindheit in Kanaan stehen ihm vor Augen. Für die Einheimischen waren sie in 2. Generation Fremdlinge geblieben, mit ihrer anderen Sprache, ihrem anderen Glauben, ihren anderen Festen und ihrem Gott. Die Enkel Abrahams und die in Kannaa, das waren auch nach Jahrzehnten noch immer getrennte Welten. Vater Isaak hatte hart gearbeitet, es zu einigem Wohlstand gebracht für sich und die Familie, ein frommer Mann wie schon der Großvater. Jeder in der Familie wußte, dass ohne Gottes Segen nichts geht, dass alles an diesem Segen liegt, die Zukunft in der Fremde, der Wohlstand, der Frieden, Gesundheit und Glück.

Alles begann mit einem Linsengericht. Es ist ihm, als ob der Geruch von einst ihm jetzt im Traum wieder in der Nase steht. Wie er Esau für ein deftiges Essen sein Erstgeburtsrecht abschwatzte. Später dann als der erblindete Vater auf dem Sterbebett die Söhne segnen wollte, da hat er sich verkleidet, sich als sein älterer Bruder Esau ausgegeben. Und der segnet ihn reichlich, und für Esau blieben nur wenige gute Worte noch übrig.

Es ist eine alte Geschichte unter Brüdern. Jetzt war das Maß voll, das Band der Bruderliebe zerbrochen. Der eine betrogen und hintergangen, der andere auf eigenen Vorteil bedacht, gesegnet zwar, aber auch die Schuld tragend ein Leben lang, mit der er leben muß.

Jakob ist in Lebensgefahr. Esau trachtet ihm nach dem Leben. Es bleibt ihm nur, das Elternhaus zu verlassen, zu fliehen, egal wohin. Da kam ihm der Vorschlag des Vaters, gerade recht, aufzubrechen, Kanaa zu verlassen und zum Onkel nach Mesopotamien zu ziehen,, um dort sein Glück und seine Liebste zu suchen. Jetzt war er unterwegs, auf der Flucht vor der Rache des Bruders, auf Wunsch des Vaters, unterwegs in eine offene Zukunft.

Der Schlaf ist unruhig, leicht nur. Zuviele Gedanken kreisen ihm durch den Kopf, immer und immer wieder von dem was war und was werden könnte. Abdul was träumst Du diese Nacht?

Abdul ist seit dem 17. Juni im Kirchenasyl unserer Kirchgemeinde. Er kommt aus Afghanistan, ist mit seinem Sohn Alesina hier. Die letzte Woche war sicher die schwerste für die beiden. Tür und Tor waren fest verschlossen, das ist sonst auf unserem Pfarrhof nie so. Nach den angstmachenden Briefen der Asylbehörde Altenburg fürchten wir, sie und viele mit ihnen, dass doch noch alles vergeblich war, man sie im letzten Moment nachts abholt mit der Polizei, um sie zurück in ihr Ersteinreiseland, nach Schweden, zu schicken.

Bis dahin hatten sie sich durchgeschlagen, Vater und Sohn. Die Mutter und Schwester mußten sie auf der Flucht im Iran zurücklassen, als sie von den Schleppern voneinander getrennt wurden. „Die Nachrichten aus der Heimat sind nicht gut“, sagt er. „In Schweden droht uns die Folgeabschiebung zurück nach Afghanistan“ Seitdem die Taliban seine Heimatstadt eingenommen haben, gibt es keine Möglichkeit mehr, Kontakt zur Schwester dort zu bekommen. Das letzte Telefonat mit ihr war im Juni diesen Jahres. Und jeden Tag diese furchtbaren Nachrichten. Und was Frau und erwachsene Tochter aus dem Iran berichten, ist auch weniger ermutigend. Corona wütet dort sehr, die Menschen leiden unter wirtschaftlicher Not.

Abdul ist ein stiller Mann, aber man sieht ihm die Sorgen an, die er sich macht. So wie ihm geht es vielen, die auf der Flucht sind. Die Folge ist oft genug eine ausgeprägte Anpassungsstörung, so nennen das Psychologen. Und dann ist man um den Schlaf geraubt, sind Träume oft genug Alpträume, ist man Tags über niedergeschlagen und am Abend findet man keine Ruhe, weil Angst und Sorge um das, was war und was noch kommen könnte, groß sind.

Jakob träumt an Gottes Himmelsleiter Die verbindet Erde und Himmel, Engel steigen auf und ab. Und über allem steht Gott, der ihn segnet. Gerade er, der sich diesen Segen ja vom Vater einst durch einen Trick erschlichen hatte, gerade er, der fliehen mußte, weil die Wut des Bruders rasend war. Gerade ihm sagt Gott: „Ich segne dich und auch deine Nachkommen. Ich bin mit dir, ich will dich behüten, ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“

Am Morgen danach ist für den Träumenden alles anders. Nach Wochen von Sorge und kreisenden Gedanken, hat er das erste Mal seit langem wieder erholsam geschlafen. An jedes Wort seines Traumes kann er sich erinnern. Je öfter er sich jetzt seinen Traum in Erinnerung ruft, je fröhlicher und zuversichtlicher macht es ihn. Die Sorgen und Erinnerungen an das was war, sind nicht vergessen, aber sie sind jetzt irgendwie leichter, nicht mehr alles in seinen Gedanken, weil er weiß und spüren darf: von nun werde ich die Zukunft nicht allein tragen. So hat es Gott ihm versprochen.

In der Fremde in Haran wird Jakob später die Frau seiner Liebe finden, um die er diente. Dort darf er erleben, wie reich ihn Gott mit Nachkommen und Reichtum segnet, und selbst was ihm unvorstellbar schien, dass er sich mit Esau versöhnte, die Familie wieder in Frieden vereint sein kann, auch dieser große Traum wird am Ende seiner Geschichte Wirklichkeit werden.

Abdul kann wieder träumen. Er, vor allem auch der zwölfjährige Alesina schlafen ruhiger in Rüdersdorf. Die Medikamente zur Beruhigung, die sie mitbrachten, konnten in Absprache mit dem Arzt zurückgefahren werden. In den Wochen des Kirchenasyls ist über den Sommer sowas wie ein guttuender Alltag zurückgekommen, ein neuer Alltag auch für uns als Familie, das strukturiert und hilft sehr. Einmal die Woche bringen wir oder andere aus der Gemeinde den Einkauf für die beiden mit. Montag und Donnerstag gibt es Deutschnachhilfe. Seit letzter Woche nehmen wir Alesina mit zur Schule nach Gera. Abdul hat den neuen Rasenmäher der Gemeinde in sein Herz geschlossen. Der Rasen auf Friedhof und Pfarrhof sieht fast englisch aus. Täglich muß gekehrt werden, sagt er, die Enten brauchen frisches Wasser, das Holz muß neu gestapelt werden, die Katze braucht ein paar Streicheleinheiten. Und was wir aus Zeitgründen an Grünpflege vor uns herschieben, daran hat er große Freude, weil er ja Bauer in Afghanistan war, sich auskennt mit dem Pflanzen und Pflegen, so hat er schon auf einem schwedischen Hof ausgeholfen.

Am glücklichsten aber ist er wenn er sagt: „Wenn es Alesina gut geht, geht es mir auch gut! Jeden Tag sind von unseren eigenen 3 Kindern andere Kinder und Freunde zu Besuch. Und sie besuchen auch Alesina. Die Konfigruppe hat ihn ins Herz geschlossen. Da wird getobt, gezockt, gespielt und viel gelacht. Da ist jeder Satz eine Mischung aus Englisch und deutsch. Und am Abend, wenn Ruhe einkehrt, sehe ich glückliche Kindergesichter, höre meine Tochter plötzlich im Schlaf englisch reden und Alesina kann wieder lachen und Kind sein. Das tut gut, sowas zu erleben.

Wie tröstet Gott einen Flüchtling? Ich habe ihnen heute davon erzählt. Als dieses Thema festgelegt wurde, kannten wir Abdul und Alesina, unsere Kirchenasylanten noch nicht. Ich kannte nur Jakob, seine Geschichte.

Jetzt nach diesem Sommer weiß ich, wie das alles mit Jakob und Abdul und Gottes Segen zusammengehört. Es braucht Gott, der seinen Segen dazugibt, es brauch Dich und mich als Gesegnete. Es braucht Menschen, die einen tragen und helfen, und gemeinsam nach vorn schauen, wenn die Sorgen zu groß werden. Es braucht auch strukturierten Alltag, in dem Helfende und Empfangende auf Augenhöhe sind, und Geben und Nehmen zusammengehen. Es braucht Frauen und Männer, die lieber in die whattsapp-Unterstützer- Gruppe schreiben: „erledigt“, als dreimal nachzufragen und insgeheim nach Entschuldigungen suchen. Es braucht auch viel Geduld, Hoffnung und Liebe, das gemeinsame Bangen und die Gelassenheit. Es braucht das Lachen und die Unbeschwertheit der Kinder, die die Ängste und Sorgen der Erwachsenen und seis auch nur für den Moment verschwinden lassen. Wenn alles zusammenkommt sind wir eine Leitersprosse weiter wenn Himmel und Erde sich wie im Traum von Jakobs Leiter berühren, dann haben wir Gottes Segen gesehen. Amen.

 

 

Fürbittgebet

Lebendiger Gott, du willst, dass alle Menschen in Frieden und Wohlergehen auf deiner Erde  leben können. Schmerzlich erfahren wir, dass das nicht möglich ist. Wir bitten dich: für alle Menschen, die auf der Flucht sind, die heimatlos sind, die kein Dach über dem  Kopf haben. Sei nahe zu allen Zeiten.

 Wir bitten dich für alle Menschen, die auf der Flucht sind, weil ihr Land keine Nahrung mehr gibt, weil  die Erde verdorrt ist. für alle Menschen, die auf der Flucht sind, weil Gewalt und Terror sie bedrohen, weil sie  nicht länger in Angst leben wollen. · Sei nahe in unsren Zeiten

Wir bitten dich für alle Menschen, die auf der Flucht verletzt werden, die viel riskieren und gewaltsam  zurück gebracht werden in ihr altes Leben, für alle Menschen, die nicht mehr Ruhe im Schlaf finden können, weil ihre Träume zu Alpträumen geworden sind: Sei nahe in schweren Zeiten


Wir bitten für alle Menschen, die Heimweh haben und sich im neuen Land nicht zurecht finden, für alle Menschen, die ihr Land mit anderen teilen, die Raum und Nahrung abgeben, Gemeinden, die Kirchenasyle gewähren, für alle Menschen, die politisch Verantwortung tragen, für alle Menschen, die sich einsetzen für den Schutz und für menschenwürdigen Umgang  mit Flüchtlingen und Migrantinnen in den Beratungsstellen von Caritas und Diakonie, in Vereinen und Initiativen. Sei nahe in unsren Zeiten.

Gott, in deinem Sohn Jesus Christus bist du selbst Flüchtling geworden, den Flüchtlingen  ähnlich – und dadurch an ihrer Seite. Lege deinen bergenden Segen um die Menschen, die  deine Nähe brauchen und schenke du  Zuversicht und immer neue Kraft. Amen.

 

 

 


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