Geistliche Impulse für den Küchentisch in den Festzeiten des Kirchenjahres....

An dieser Stelle finden Sie ab und an Andachten, Gebete, Predigten aus zurückliegenden Gottesdiensten.


Predigt über: Hebr 13,1-3 am 7. So. nach Trinitatis, am 19. Juli 2026 in Niederndorf und Pörsdorf 

Es gehört zur orientalischen Gastfreundschaft, reichlich und in großer Vielfalt Gäste zu empfangen und zu bewirten. Dabei wird kein Unterschied gemacht zwischen Fremden und Familienmitgliedern. Im Gegenteil, oft bemüht man sich, gerade gegenüber dem Fremden sich von seiner besten und gastfreundlichsten Seite zu zeigen. Oft wird man regelrecht genötigt, zu verweilen, zu Essen und sich zu stärken. Und anders als in unserer Kultur üblich, sollte man dann nie den Teller ganz abessen, denn dann ist das nur das Zeichen für den Gastgeber, dass es womöglich nicht gereicht hat und der Gast immer noch hungrig das Haus verlässt. Und eh man sich versieht, wäre der Teller wieder beladen mit all den Köstlichkeiten. Widerstand zwecklos. 

 

Zu größeren Festtafeln wird für den Fremden, der noch kommen könnte, in der orientalischen Gesellschaft ein Gedeck mehr bereitgestellt. Es könnte ja noch jemand kommen, jemand noch jemanden mitbringen, ein Teller für Elia vielleicht. Essen ist im Orient Kultur, Zeit des Friedens und Zeit, um Frieden zu machen. Dafür nehmen Menschen sich Zeit. Auf dem Tisch steht die Mezzeh, eine bunte Vielfalt von Vorspeisen mit kalten und warmen Gerichten. Und jeder probiert von allem etwas, reicht die Schüssel weiter, dippt mal hier dann dort sein Brot hinein. Es gibt nicht den bestellten Teller, das Gericht nur für mich, alle teilen alles, was auf dem Tisch steht. Wie schön wäre es, wenn diese Anteilnahme, diese Aufmerksamkeit, diese Idee des Teilens nicht nur an den Tischen, sondern erst recht in allen Lebensbezügen Niederschlag finden würde. Aber davon ist sowohl die orientalische als auch unsere Gesellschaft weit entfernt.

 

Im Hebräerbrief heißt es: 1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.

2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

 

Die sprichwörtliche orientalische Gastfreundschaft ist ein hohes Gut. Gute Gastgeber zu sein, sich überraschen zu lassen durch einen Fremden, der ja plötzlich kommen könnte und auch an die zu denken, die zwar jetzt verhindert sind, ihnen aber dennoch einen Platz am Tisch freizuhalten , diese Haltung finde ich bewundernswert. Denn so Gott es will, könnte er ja noch kommen. 

 

Rechnen wir eigentlich noch so? Rechnen wir als Christen noch mit dem, der kommen könnte, schon morgen an unsere Tür klopft und sich dann an unseren Tisch setzt, womöglich zum Essen bleibt? Nehmen wir uns die Zeit oder sehen wir zu, wie wir den Gast am besten gleich an der Haustür abwimmeln können. Lassen wir uns in unserem Alltagstrott, unterbrechen, wenn sich unangekündigter Besuch einstellt?

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

 

Ein wunderbarer Film mit dem Namen „Die Herberge“, erzählt davon. Und er beruht auf einer wahren Begebenheit. Einst waren die beiden in Franken wandern. Als der Hunger am größten war, fanden sie auf ihrer Wanderung einen alten heruntergekommenen fränkischen Gasthof mitten im Wald. Die Tür war verschlossen, aber die Fenster standen offen, Wäsche war auf der Leine, Stimmen waren zu hören. Weil sie so vehement klopften, öffnete jemand eine Hintertür und bat sie hinein und führte sie in die Gaststube. Nach ersten Verständigungsschwierigkeiten mit dem Personal, wurde schon nach kurzer Zeit aufgetafelt, dass sich der Tisch verbog. Aber statt Fleischkäs und nem frisch Gezapften gab es Fatousch und Lachme, und Hommos und Sanglish und Hühnchen. Bier sei leider aus, stattdessen wäre noch frischer Pfefferminztee da. Als das Ehepaar bezahlen wollten, schaute der Kellner sie verdutzt nuran: Ihr seid doch unsere Gäste, wir nehmen kein Geld von euch und da kamen sie alle aus der Küche raus. Die Köche aus Syrien, dem Balkan und aus Nigeria und Iran. Jetzt erst erkannten die Gäste, wo sie zu Gast waren. Nicht in einem Gasthof, sondern in einer Asylunterkunft mitten im Wald. Und dann lachten sie miteinander, setzten sich alle an den Tisch und in den Gastraum, brachten sie statt der Rechnung noch mehr Essen, einfach und rustikal zubereitet und auf dem Tisch standen Köstlichkeiten aus vielen Ländern. Diese Begegnung hat die beiden Wanderer verändert und auch so manche Vorurteile, Ängste und Befürchtungen genommen. Darum:

 

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

 

 


 

Predigt zur Konfirmation am Pfingstsonntag, 24.5.26, Kraftsdorf

Zwanzig Unterschriften. Das war das Ziel. Eine Green Card. Wie bei einem Spiel. Wie bei einer Challenge. Wie bei: „Wie oft muss ich noch kommen, bis es reicht?“ Und manche haben gerechnet. „Okay, wenn ich heute gehe, dann fehlen mir noch vier.“ Und manche haben verhandelt. „Zählt das noch?“ „Kann ich dafür auch unterschreiben lassen?“ „Muss ich wirklich bis zum Segen bleiben?“ Harte Verhandlungen sind das jedes Jahr. 

 

Und dann gibt es da diese eine Person. 53 Unterschriften. Dreiundfünfzig! Das sind fast 3x Green Card. Nicht Mindestanforderung. Nicht „gerade so geschafft“. Sondern ich würde mal sagen: Das ist komplett eskaliert. Fast so, als wäre Kirche plötzlich nicht nur Pflicht gewesen.

 

Wenn Kirche nicht nur Pflicht ist, dann, genau dann beginnt Pfingsten. Denn Pfingsten beginnt nicht da, wo Menschen gerade genug machen und ne gesetzte Mindestanforderung erfüllen wollen. Pfingsten beginnt da, wo plötzlich etwas überspringt. Wie ein Funke. Wie Feuer. Wie Begeisterung.

 

Die Geschichte von Pfingsten, wie wir sie in Lesung gehört haben, ist nun keine ruhige Geschichte. Nachdem Jesus auferstanden war, versammelten sich die ersten Zeugen in Jerusalem. Da wurde heftig miteinander diskutiert und geredet. Da saß wohl niemand brav im Halbkreis und nur einer dozierte. Und dann so erzählt es die Pfingstgeschichte war da plötzlich so etwas wie ein Sturm im Haus, und Lärm. Die Leute redeten wild durcheinander in vielen Sprachen. Und doch verstehen Menschen einander, obwohl sie komplett verschieden sind.

 

Eigentlich… klingt das was in der Pfingstgeschichte erzählt wird, verdächtig nach einer Konfi-Gruppe. Und vielleicht denken außenstehende Erwachsene manchmal: „Oh nein, einzeln sind sie ja lammfromm, ruhig und gut zu händeln, aber in der Gruppe, nicht wiederzuerkennen: viel zu laut, zu chaotisch, zu wild.“

 

Aber wisst ihr was? Die ersten Christen waren bestimmt auch kein stiller Sitzkreis. Pfingsten war kein stiller Selbstfindungstrip. Pfingsten war Explosion und Leben. Und ganz schönes Durcheinander. Trotzdem gab es Regeln, wie ungeschriebene Gesetze, dass das Handy mal Pause hat, dass manches auch einfach zu lernen und zu wissen ist, damit man die Sprache des Glaubens ins eigene Leben hineinbuchstabieren kann. Und dass wir respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen. Kleine Nebenbemerkung: Ihr denkt bitte weiterhin an die Gebote und an das so wichtige 12. Gebot.  Auf jeden Fall geht ihr heute getragen durch eure Gemeinschaft miteinander, in der Gemeinde und mit Gott. 

 

Doch noch mal zurück nach Jerusalem zum Pfingstwunder dort: Vorher hatten die Jünger Angst und manche von ihnen fragten sich sicher: Was werden andere sagen und über mich denken, wenn sie mitbekommen, dass ich dort hingehe und mich zu Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, halte? Jeder weiß doch, wer zu ihm gehört, sich Christ nennt und so lebt, der riskiert einiges. Trotzdem gehen sie zu diesem Treffen und später verändert heraus. Vorher verstecken sie sich, waren in allen Dörfern und Städten verstreut und wenige. Jetzt sind sie zusammen, gar nicht so wenige und sie werden die Welt verändern, jeder an seinem Ort zur rechten Zeit.

 

Nicht weil sie plötzlich perfekt waren und schon alles wußten. Sondern weil in ihnen ein göttlicher Funke von Glaube, Liebe und Hoffnung entzündet wurde, der in ihnen bleibt. Deshalb gehen sie verändert hinaus in ihre Welt, anders als sie gekommen waren. Genau das hoffe ich eigentlich auch für jede und jeden von euch. Nicht die Zahl der Unterschriften auf der Green Card sind entscheidend. Nicht 20. Auch nicht 53. Sondern dass andere in euren Lebensentscheidungen in der immer verrückteren Welt euer Christsein sehen und spüren können. 

 

Vielleicht braucht ihr dafür nur ein Lied. Doch Singen in der Konfistunde ging gar nicht, auch wenn einige von euch mal im Kinderchor waren. Vielleicht ist es ein Gebet wie das VU, das ihr mitnehmt, sicher euer Konfispruch, der zu euch passt, und wie ihr gemerkt habt, wie so ein altes Bibelwort doch ziemlich aktuell sein kann. Vielleicht sinds auch Gespräche nachts im Zimmer auf Konfifahrt in der Sächs. Schweiz. Vielleicht ein AhaMoment im Gottesdienst. Vielleicht ein Mensch, der euch bisher fremd war und die Freundschaft, die hier fester wurde. Vielleicht ein Gedanke über Gott, den ihr vorher nie hattet. Vielleicht auch nur dieses Gefühl: Ich bin ihm wichtig. Er zählt auf mich und ich bin hier nicht egal.

 

Ich glaube, Gott sammelt sowieso keine Unterschriften. Gott sitzt nicht im Himmel mit Klemmbrett oder heftet sich die Greencards ins Buch des Lebens. Nicht: „Ah, Gottesdienst Nummer 14, sehr ordentlich.“ Paul, aus dir wird mal was. Ich glaube, Gott sammelt etwas anderes. Er sammelt Mut. Fragen. Zweifel. Lachen. Gemeinschaft und Menschen.

 

Vielleicht sogar genau solche wilden Gruppen. Und vielleicht ist die Green Card am Ende gar kein Kontrollzettel. Vielleicht ist sie eher eine Spurensammlung. Hier war ich. Hier habe ich Gemeinschaft mit anderen und mit Gott erlebt. Hier habe ich gesucht. Hier habe ich gefeiert. Hier habe ich meinen Glauben und mein Leben mit anderen geteilt und bin selbst daran erwachsener geworden. 

 

Pfingsten heißt: Gott traut Menschen etwas zu. Nicht perfekten Menschen. Nicht stillen Menschen. Nicht fertigen Menschen. Sondern echten Menschen. Lauten Menschen. Chaotischen Menschen. Menschen mit Fragen. Menschen mit zu viel Energie. Menschen wie euch. Nicht wenn alles geschniegelt und ordentlich ist. Sondern wenn plötzlich Leben drin ist. Feuer. Bewegung und Geist, dann muß man sich um die Zukunft der Kirche auch keine Sorgen machen. So wie damals an Pfingsten. So wie heute hier mit euch. Amen. 

 

Und der Friede Gottes….